Die Seifenblase, in der wir leben

Kaum zu glauben – ausgerechnet ich schreibe einen Blogbeitrag zu einem Song von Katy Perry. Ich, die schon mit 16 der Meinung war, dass die Mainstream-Popmusik seit Mitte der Neunziger für die Mülltonne ist (von ein paar Ausnahmen wie Bonjovi, Roxette oder Meatloaf abgesehen – aber das waren auch alles Relikte aus den 80ern). Ich, die ihren MP3-Player fast ausschließlich mit Metal und Celctic-Mystery-Zeugs vor dem Verhungern gerettet hat.

Nun befasse ich mich ernsthaft mit einem Song von Katy Perry.

Daran ist natürlich ein Mann schuld ;). Mein Verlobter, der eines Tages mit einem Ohrwurm nachhause kam: „Irgendsoein neues Lied von Katy Perry, die dudeln das bei mir auf Arbeit mindestens fünf Mal am Tag, ich versteh nur ‚piep, piep‘ und ‚dance, dance‘.“

Er hatte diesen Eindruck nicht etwa, weil sein Englisch unter aller Sau wäre (ist es nicht), sondern weil das eben so ein typischer Popsong ist, bei dem man nicht so genau hinhören muss. Dachten wir jedenfalls.

Dann sind wir zufällig auf den Songtext gestoßen und waren positiv überrascht, dass es gar nicht um Partys oder eine verkorste Liebesbeziehung geht. Es geht um nicht weniger als den gruseligen Status Quo der westlichen Gesellschaft: Wir leben in einer Blase, die jeden Moment platzen kann. Vielleicht sind wir die letzte Generation, die noch ein „normales“ Leben führen darf, Party machen darf, auf dem Vulkan tanzen, bevor er hoch geht … Natürlich hoffen wir, dass wir nicht mehr mitbekommen, wie er hochgeht. Dass dieser Tag selbst für unsere Kinder noch fern ist. Aber wir wissen tief im Inneren, dass es passieren kann, paasieren wird. Der Klimawandel scheint kaum noch aufzuhalten, Plastikmüll überschwemmt die Weltmeere, Islamisten zündeln an jeder Ecke, Menschen verhungern in Afrika, Kinder schuften unter unsäglichen Bedingungen für unsere KiK-T-Shirts.

Unsere komfortable Blase schützt uns schon lange nicht mehr vor diesen bedrohlichen Fakten – jedenfalls nicht immer. Aber meistens können und wollen wir nicht darüber nachdenken, weil Job und Familie unsere Hirnkapazität zu fast 90% auffressen und der Rest für die Planung von Urlaub und Partys gebraucht wird. Der weiße Zaun um das Spießerparadies wird mit den Jahren immer enger. Wir sind gefangen im sogenannten normalen Wahnsinn, gebunden an den Rhythmus wo man leider mit muss.

Das Video zeigt uns Menschen in retro-futuristischen, grellbunden Outfits, die wie ferngesteuerte grinsende Zombies durch eine Art Freizeitpark taumeln, während pastellfarbene Einfamilien-Häuschen an einem Kettenkarussell durch die Luft gewirbelt werden. Zuckerwatte hat die Form von Atompilzen, alles ist Unterhaltung und Spaß und passt damit zum heutigen Zeitgeist. Der Clip ist schräg und durchaus künstlerisch, manchmal sogar unterschwellig verstörend – aber so inszeniert, dass man ihn nicht ernst nehmen kann.

Lieder scheint auch Katy Perry an ihren eigenen Rhythmus gekettet zu sein, denn wenn dieser Song beweisen soll, das tiefgründige Lyrics und Disco-Pop zusammenpassen, ist das Experiment leider gescheitet. Der Rhythmus hält den Text gefangen, so dass er keine Chance hat, seine Wirkung zu entfalten. Oder erst in einer guten Cover-Version, von einer Sängerin, die nicht die Hälfte aller Silben verschluckt.

Doch warum versteckt man einen tiefgründigen Songtext in einem – wie meint Freund so schön sagt – „Piep-Piep-Lied“? Hat Katy Perry etwa Angst vor ihrer eigenen Courage bekommen? Oder haben sie und ihre Songschreiber gehofft, dass subversive Botschaften am besten durch Disco-Beats ins Hirn gehämmert werden? Wenn das Hirn nach dem fünften Caipi noch aufnahmefähig ist, könnte das eventuell funktionieren.

 

Hier geht’s zur deutschen Übersetzung:

http://www.songtexte.com/uebersetzung/katy-perry/chained-to-the-rhythm-deutsch-5bd617f0.html

 
 

 

 

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